Gebäude, Grenzen und Blut. Medikalisierung und Nation-Building an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, 1910-1930 – Alexandra Minna Stern

Hygienemaßnahmen und die Umsetzung bakteriologischer Erkenntnisse aus Europa sind auch in Amerika im ausgehenden 19. und anbrechenden 20. Jhdt. ein allgegenwärtiges Thema. Die Wissenschafts- und Medizinhistorikerin Alexandra Minna Stern bündelt die medizinischen, politischen und eugenischen Diskurse und zeigt, wie sie an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, in El Paso in Texas zusammenlaufen. Sie hat dabei den angloamerikanischen Imperialismus im Blick, den sie auf drei Hauptdiskursebenen festlegt: Gebäude, die zur Registrierung, Eingrenzung und konkret zur Desinfizierung und Impfung von Einwanderern verwendet werden; Grenzen, die als Schwellen zunächst aufnehmen wie auch abweisen können, die aber die Idee territorialer Integrität von Staaten wesentlich ausmachen und neben Landschaften auch Rassen und Körper umfassen können; und Blut, dass in der untersuchten Zeitspanne besonders als Träger von Krankheiten, zunehmend auch von schlechten Erbeigenschaften verstanden wird. Dreh- und Angelpunkt der Untersuchung ist eine Desinfektionsanlage auf einer Brücke über den Rio Grande in El Paso, in dem Einwanderer, vor allem aus Angst vor Fleckfieber, gewaschen, desinfiziert und entlaust werden und das auf industrielle Art und Weise. Das Abschneiden der Haare und das Baden in Kerosin sowie gegebenenfalls eine anschliessende Pockenimpfung gehören zu den Maßnahmen, die vor allem Mexikaner, die den Fluss zur Arbeit überqueren, regelmäßig über sich ergehen lassen müssen. Die Maßnahmen sind hier sogar strenger als am Tor zwischen Europa und Amerika, Ellis Island vor New York und werden bis in die späten 1920er Jahre weitergeführt. 1915/1916 wird die amerikanische Armee eingesetzt, um im Mexikanerviertel von El Paso, Chihuahuita, für hygienische Umstände zu sorgen. Die Maßnahmen der Amerikaner werden als ein Grund für die mexikanische Revolution gesehen. Pancho Villa überfällt nach einem Gefängnisbrand in El Paso 1916, der durch ein desinfizierendes Kerosinbad ausgelöst wird und bei dem alle Insassen (mehrheitlich Mexikaner) umkommen, die Kleinstadt Columbus in New Mexico und tötet über zwanzig Amerikaner. In den 1920er Jahren nähern sich die beiden „Blut-Diskurse“ der Medizin und der Eugenik einander immer stärker an. Sie erzeugen dabei eine rassisch neue Gruppe an der Grenze zu den USA; indem die Mexikaner als sowohl nichtschwarz als auch nichtweiß markiert werden, tragen diese Diskurse dazu bei, Mexiko als vollkommen fremdes Land abzuschotten.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                                    P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

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